Kapelle im Wandel

Nachricht Hildesheim, 21. Januar 2026

Sandra Holzinger hilft der abgebrannten Kapelle im Michaeliskloster zurück ins Leben

Sandra Holzinger ist Bedürfnisforscherin, Gestalterin von Räumen, Objekten und Prozessen und Gründerin des Designbüros "studio vestigo". Foto: S. Grünert

Bedürfnisforscherin, Gestalterin, Gründerin

Dienstagvormittag. Noch dauert es ein paar Stunden, bis die Sonne ihre Strahlen durch die Fenster der Kreuzkapelle im Michaeliskloster schicken wird. Lichtgrau. Sandra Holzinger hält ihre Farbkarten vor eine der Wände. Der Boden unter ihren Füßen ist mit Staub bedeckt, der Putz löchrig, die Stelen von Folien geschützt. "Der Raum ist auf Null gesetzt", sagt Sandra Holzinger. 

Im Sommer 2023 brannte die Kapelle des Michaelisklosters aus. Grund dafür war ein technischer Defekt an der Orgel.

Sandra Holzinger ist Bedürfnisforscherin, Gestalterin von Räumen, Objekten und Prozessen und Gründerin des Designbüros studio vestigo. Sie ist gelernte Schreinerin und Bildhauerin, hat Innenarchitektur studiert und begleitet die Gestaltung der Kreuzkapelle Michaeliskloster.

Was ist in Zukunft eine Kapelle? Dieser Frage geht sie nach. "Mein Ziel ist es, einen Leitfaden zu entwickeln, der die bestehenden Qualitäten der Kreuzkapelle berücksichtigt und zugleich Raum für neue Inhalte und Entwicklungen eröffnet", so Holzinger.

Michaeliskloster: Wie hat sich die Zusammenarbeit für das Projekt Kreuzkapelle ergeben?

Sandra Holzinger: Ich habe die Einführung eines Audioguides in der Sigwardskirche in Idensen begleitet. Das war spannend, weil ein digitaler auf einen physischen Raum trifft. Ich habe den Prozess als objektives Auge begleitet und das Team der Sigwardskirche beraten. Darüber ist das Michaeliskloster auf mich aufmerksam geworden. 

Wie gehst du vor, wenn ein Raum sich verändern soll?

Sandra Holzinger: Ich beginne eine Veränderung in der Regel mit einem Forschungsprozess. Es geht darum herauszufinden, wie Menschen einen Raum nutzen und welche Bedürfnisse sie darin haben. Sie helfen mir dabei Bedürfnisse an den Raum zu erkennen und kommunizieren zu können. Die Nutzer:innen sind die wahren ExpertInnen hier. Das ist für mich die Grundlage dafür, etwas Sinnvolles und Nachhaltiges zu schaffen. Anhand der Forschungsergebnisse entsteht eine Art Landkarte, welche Anforderungen und Bedürfnisse die Menschen an den Raum haben und leite daraus schließlich Farben und Materialien ab.

Welche Kraft können Räume haben?

Sandra Holzinger: Eine große. Räume können ermöglichen oder verhindern. Das hängt von ihrer Gestaltung ab. Und die wiederum sollte fest an die Bedürfnisse der Nutzenden gekoppelt sein.

Welche Forschungsmethoden nutzt du, um die Bedürfnisse der Menschen in einem Raum zu ergründen?

Sandra Holzinger: Beim Projekt Kreuzkapelle sind es zwei verschiedene: Bei der Methode des story listening geht es darum zuzuhören. Indem man dem Gegenüber so viel Raum und Zeit wie möglich gibt, sein Wissen zu teilen, können tiefe, reflektierte und emotional kontextualisierte Inhalte gesammelt werden. Und als zweite Methode nutze ich das Vestigieren. VESTIGO ist ein analoges Recherchewerkzeug – von mir entwickelt, um sichtbar zu machen, was oft verborgen oder unausgesprochen bleibt: Bedürfnisse, Werte, Haltungen. Durch das Gleiten über drei Tasten und eine bedruckte Wortrolle, streichen Nutzende Begriffe durch oder lassen sie bestehen. Jede Bewegung – impulsiv, bewusst oder zögerlich – hinterlässt eine Spur. Was entsteht, ist kein Urteil, sondern ein Ausdruck innerer Aushandlungsprozesse.

Was hat dein Interesse dafür geweckt, den Veränderungsprozess der Kapelle zu begleiten?

Sandra Holzinger: Dass sich Menschen ein halbes bis ein Jahr Zeit nehmen, um diesen partizipativen Prozess mit einer bedürfnisorientierten, explorativen und methodischen Herangehensweise mit mir zu gehen, ist besonders. Die Anfrage war für mich ein Geschenk auf dem Tablett.