"Es braucht Räume, es braucht Mut, es braucht animierende Menschen, die andere mitnehmen."

Nachricht 09. März 2026

Antje Valentin über die Superkraft "Singen"

Antje Valentin ist seit März 2024 Generalsekretärin des Deutschen Musikrats. Bei der Tagung Ins Singen bringen! vom 14. bis zum 16. September in Loccum spricht sie über das Singen als eine demokratiefördernde Maßnahme. Im vergangenen Jahr hat der Deutsche Musikrat die Publikation "Wie klingt unsere Demokratie? Musik als Gesellschaftskraft" veröffentlicht.

Antje Valentin Foto: Maxim Green

Was hat Singen mit Demokratie zu tun?
Antje Valentin: Wir als Deutscher Musikrat haben uns im vergangenen Jahr vielfach mit dem Thema Musik und Demokratie beschäftigt. Dabei war das Singen ein zentraler Punkt, weil jeder Mensch eine Stimme hat. Unserer Überzeugung nach kann jeder singen. Es ist auch die Wesensgrundlage einer Demokratie: Jeder erwachsene Mensch hat eine Stimme und kann mitbestimmen. Und es ist noch viel zauberhafter, wenn Menschen ihre Stimmen gemeinsam erheben, miteinander singen und eine Vielstimmigkeit entsteht. Das ist auch psychologisch von hohem Wert und dabei gesundheitsfördernd. Man ist einerseits selbst aktiv, klingt und resoniert und auf der anderen Seite hört man die anderen. Es ist zugleich eine sehr individuelle und gemeinschaftsstiftende Tätigkeit. In dem Moment sind wir auch wieder bei der Demokratie, wo die Vielstimmigkeit immer wieder abgestimmt werden muss. Dabei darf auf keinen Fall eine Missachtung der Minderheiten erfolgen. Eine funktionierende Demokratie muss Minderheiten berücksichtigen. Das ist wie beim Chor und der Tatsache, dass alle Stimmen ausgewogen klingen müssen, damit der Gesamtklang toll wird. Ähnlich wie in einer Demokratie. Natürlich führt manchmal der Sopran und die anderen begleiten eher, aber manchmal sind auch der Tenor, der Bass oder der Alt im Vordergrund. In der Demokratie gibt es auch ein Wechselspiel der Stimmen. Manche sind im Vordergrund, aber im Gesamtklang muss es wieder ausgeglichen sein.

Welche Potenziale sehen Sie im gemeinsamen Singen für die Gesellschaft?
Antje Valentin: Unheimlich viele. Wir sehen, dass es einfach glücklich macht, dass es die Menschen sogar gesünder macht. Die Abwehrkräfte steigen und das Bindungshormon Oxytocin wird ausgeschüttet. In der Regel geht man ja viel glücklicher aus der Chorprobe als man reingegangen ist. Das hat etwas mit emotionaler Regulierung zu tun. Wir finden es denkbar, dass auch Chorsingen oder überhaupt künstlerisch-kulturelle Aktivität verschrieben wird, etwa für Menschen mit Depressionen, in Einsamkeit, mit psychischen Problemen. Chorsingen kann da wirksam sein. Das ist eine riesige Chance für die Menschen, wieder Anbindung zu finden und auch mental zu gesunden. 

Foto: Anna-Kristina Bauer

Welche Bedeutung messen Sie dabei der Kirchenmusik bei?
Antje Valentin: Aufgrund der Amateurmusikstudie unseres Deutschen Musikinformationszentrums (miz) können wir klar sagen, dass ein Fünftel der 16,3 Millionen Amateurmusizierenden in Kirchen musikalisch aktiv ist, hauptsächlich in Chören. Das ist ein erheblicher Teil. Ein kleinerer Teil musiziert mit Instrumenten. Ich glaube, dass wir noch stärker die konfessionsübergreifende Verbindung suchen müssen, um die Kirchenmusik in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung zu stärken. Wir bekommen zu unserem aktuellen Kirchenmusik-Positionspapier viele positive Reaktionen. Es sieht so aus, als ob der Deutsche Musikrat aufgrund dieses Papiers auch in der Kirchenmusik  als Partner wahrgenommen wird, um gegenüber Kirchenoberen und Gesellschaft deutlicher und sichtbarer zu werden. Wobei in unseren Augen Kirchenmusik möglichst offen sein sollte. Da sind wir wieder bei dem offenen Mitmachenkönnen, was ja schon beim wöchentlichen Gottesdienst anfängt. Dass da immer gesungen wird, ist ein eine große Errungenschaft. Die Kirchenmusik sollte aber noch stärker ihre gesellschaftliche Bedeutung erkennen und damit auch künstlerisch-pädagogisch stärker aktiv werden und Menschen zum Mitwirken bewegen. Dazu brauchen wir Kirchenmusiker und Kirchenmusikerinnen mit einer Vielfalt von Fähigkeiten und Schwerpunkten. 

Ganz grundsätzlich: Was braucht es, damit ein Funke überspringt und die Menschen Lust haben zu singen?
Antje Valentin: Es braucht Räume, es braucht Mut, animierende Menschen, die auch andere mitnehmen. Hierzulande denken immer noch so viele Menschen, sie können nicht singen, weil sie vielleicht in der Schule schlechte Erfahrungen mit ihrem Musiklehrer oder ihrer Musiklehrerin gemacht haben, die sie vorsingen ließen und sie blamiert hat. Und wir brauchen eine Sichtbarkeit vom Singen. Man muss sehen können, dass Singen Spaß macht und das Leben erfüllt. Dass Chöre auf den Straßen stehen. Ich verweise auf die Fête de la Musique am 21. Juni dieses Jahres, wo inzwischen an 170 Orten bundesweit die Musik auf die Straße geht. Grade die Amateurmusik. Wir müssen den Menschen zeigen, du kannst jederzeit singen und du bist willkommen und du findest deine Musik, ob im Pop, in der Klassik oder in der Weltmusik. Wir haben auch eine Vielzahl von Chören mit ausländischen Wurzeln, die wir noch gar nicht genug kennen. Grade auch türkische Chöre, die natürlich anders singen und ein anderes Repertoire haben, sich aber zum Teil auch für Gospels begeistern. Der Chorverband in NRW hat auch schon angefangen, türkische Chöre aufzunehmen. Singen kann verschiedenste Herkünfte und Kulturen verbinden. Auch diese Chance sollten wir gesamtgesellschaftlich wertschätzen.