Welche Bedeutung messen Sie dabei der Kirchenmusik bei?
Antje Valentin: Aufgrund der Amateurmusikstudie unseres Deutschen Musikinformationszentrums (miz) können wir klar sagen, dass ein Fünftel der 16,3 Millionen Amateurmusizierenden in Kirchen musikalisch aktiv ist, hauptsächlich in Chören. Das ist ein erheblicher Teil. Ein kleinerer Teil musiziert mit Instrumenten. Ich glaube, dass wir noch stärker die konfessionsübergreifende Verbindung suchen müssen, um die Kirchenmusik in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung zu stärken. Wir bekommen zu unserem aktuellen Kirchenmusik-Positionspapier viele positive Reaktionen. Es sieht so aus, als ob der Deutsche Musikrat aufgrund dieses Papiers auch in der Kirchenmusik als Partner wahrgenommen wird, um gegenüber Kirchenoberen und Gesellschaft deutlicher und sichtbarer zu werden. Wobei in unseren Augen Kirchenmusik möglichst offen sein sollte. Da sind wir wieder bei dem offenen Mitmachenkönnen, was ja schon beim wöchentlichen Gottesdienst anfängt. Dass da immer gesungen wird, ist ein eine große Errungenschaft. Die Kirchenmusik sollte aber noch stärker ihre gesellschaftliche Bedeutung erkennen und damit auch künstlerisch-pädagogisch stärker aktiv werden und Menschen zum Mitwirken bewegen. Dazu brauchen wir Kirchenmusiker und Kirchenmusikerinnen mit einer Vielfalt von Fähigkeiten und Schwerpunkten.
Ganz grundsätzlich: Was braucht es, damit ein Funke überspringt und die Menschen Lust haben zu singen?
Antje Valentin: Es braucht Räume, es braucht Mut, animierende Menschen, die auch andere mitnehmen. Hierzulande denken immer noch so viele Menschen, sie können nicht singen, weil sie vielleicht in der Schule schlechte Erfahrungen mit ihrem Musiklehrer oder ihrer Musiklehrerin gemacht haben, die sie vorsingen ließen und sie blamiert hat. Und wir brauchen eine Sichtbarkeit vom Singen. Man muss sehen können, dass Singen Spaß macht und das Leben erfüllt. Dass Chöre auf den Straßen stehen. Ich verweise auf die Fête de la Musique am 21. Juni dieses Jahres, wo inzwischen an 170 Orten bundesweit die Musik auf die Straße geht. Grade die Amateurmusik. Wir müssen den Menschen zeigen, du kannst jederzeit singen und du bist willkommen und du findest deine Musik, ob im Pop, in der Klassik oder in der Weltmusik. Wir haben auch eine Vielzahl von Chören mit ausländischen Wurzeln, die wir noch gar nicht genug kennen. Grade auch türkische Chöre, die natürlich anders singen und ein anderes Repertoire haben, sich aber zum Teil auch für Gospels begeistern. Der Chorverband in NRW hat auch schon angefangen, türkische Chöre aufzunehmen. Singen kann verschiedenste Herkünfte und Kulturen verbinden. Auch diese Chance sollten wir gesamtgesellschaftlich wertschätzen.