Nora Gomringer ist eine der profiliertesten deutschsprachigen Lyrikerinnen der Gegenwart. Als Autorin, Performerin und Literaturvermittlerin verbindet sie poetische Präzision mit sprachlicher Experimentierfreude und Bühnenpräsenz. Gomringer ist seit 2010 Direktorin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis (2015).
Beten Sie manchmal?
Nora Gomringer: Ja, eigentlich täglich. Ich sage danke und ich trage alles, was mein Herz schwer macht, vor Gott. Oder rede mit Maria. So perimenopausal wie ich bin, fühle ich mit allen Frauen verbunden. Maria hat ein Ohr dafür.
Was braucht ein gottesdienstliches Gebet, damit es berührt?
Nora Gomringer: Einen guten Anlass. Es kann ja auch mal darum gebetet werden, dass man sich nicht so sehr aufregt über einen übergriffigen Menschen und man die Kraft findet, seine Provokationen abzutun. Und damit auch Nächstenliebe zu zeigen.
Was kann die kirchliche Sprache hier von der Lyrik lernen?
Nora Gomringer: Lyrik bricht einen Sachverhalt auf. Die Sprache ist schief und lebhaft, sie glitscht auch mal wie ein Fisch. Dieses Vertrauen in Sprache, in neue Bilder - das weckt mich auf und lässt mich genauer hinhören.
In welchem Verhältnis stehen der Kirchraum, das Ritual des Betens, die Besucher:innen und die Sprache und welche Herausforderungen wachsen daraus?
Nora Gomringer: Gesang trägt besser. Das Wort ist ans Mikro gebunden, an eine Anlage, an Charisma über die Technik. Das ist alles nicht einfach. Und wir sind alle nicht besonders performativ, schämen uns und reagieren genant. Der Kirchenraum braucht entweder eine Aufhebung des demokratischen Allerleis oder dessen viel mehr. Ich weiß es nicht. Ich würde viel ausprobieren wollen und davor viele Fragen stellen müssen.