Die ganze Note
Es war einmal eine ganze Note. Sie lag ruhig auf dem Notenblatt, hatte sich etwas breit gemacht. Vier Schläge lang durfte sie sein. Sie musste nichts beweisen. Sie musste nicht schneller werden. Nicht effektiver. Sie musste nicht mehr Töne produzieren. Sie war einfach da. Eins – zwei – drei – vier. Alle Musikerinnen im Raum wussten: Hier habe ich Zeit. Zeit, den Ton entstehen zu lassen. Zeit, ihn zu tragen. Zeit, ihn wieder loszulassen
Kürz und gut?
„Wir müssen kürzen. Um dreißig Prozent.“ , hörte sie. Die ganze Note erschrak. Dreißig Prozent? Sie rechnete nach. Von ihren vier Schlägen sollten ihr 1,2 genommen werden. 2,8 Schläge bleiben übrig. Was bin ich dann? Ich bin keine halbe Note. Mache eh keine halben Sachen. Eine punktierte halbe bin ich schon gar nicht. Für das, was aus mir werden soll, gibt es nicht einmal ein schönes Noten zeichen. Gar keins. Kann ich nicht einfach ein bisschen schnell er gespielt werden
Das funktionierte nicht. Wenn man eine ganze Note kürzt, beginnt die nächste Note früher. Die Pause verschiebt sich. Ein Einsatz kommt an eine andere Stelle. Die Harmonie stimmt nicht mehr. Und wenn man einfach das ganze Stück dreißig Prozent schneller spi elt, wird aus einem Adagio noch lange kein gutes Allegro. Und die Note begriff, schmerzhaft: Ich kann nicht einfach dreißig Prozent weniger von dem sein, was ich vorher war. Wenn 30 Prozent fehlen, muss neu komponiert wer den.
Musik entsteht aus Beziehungen: Ton und Pause. Klang und Stille. Spannung und Lösung. Mein Einsatz und dein Einsatz. Tempo. Atem. Aus keiner Partitur kann ich dreißig Prozent herausstrei chen und erwarten, dass anschließend dasselbe Stück erklingt; nur effe ktiver. Kürzung fragt: Wie machen wir dasselbe mit weniger? Transformation aber fragt: Was soll unter veränderten Bedingungen wie erklingen?
Jede Kürzung macht Dich atemlos. Sie liegt wie ein schwerer Stein vor Dir. Transformation hingegen beginnt mit Mut. Die Partitur auf den Tisch legen und fragen: Was ist das Thema? Welche Botschaft muss hörbar sein? Welche Stimme braucht es morgen ? Wo braucht es weniger Töne, aber mehr Klarheit? Wo brauchen wir eine Pause, wo früher keine nötig war? Wo darf aber auch etwas verklingen, damit eine Leere entsteht, die anders gefüllt wird.
Musik bringt Frucht
„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Es gibt eine Verwandlung von Kirche . Es geht etwas. Es geht aber auch etwas vorbei.
Es geht etwas zu Ende. Eine Gestalt von Kirche hört auf. Das ist ernst. Das ist sogar tödlich. „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Eine andere Gestalt von Kirche steht auf. Musik kann das, was Gesellschaft gerade verlernt. Mit Mut komponieren. Nicht Angst reproduzieren. Musik geht mit ihrer Kraft hausieren. Und sie wird Liebe importieren. Sie wird dank ihrer Energie neue Lieder imponieren, statt dunkle Gesänge räsonieren. Zukunftsmusik ist mutige Musik; bringt viel Frucht.
Transformation ist auch Abschied
Aus dem, was wir loslassen, wird etwas, das wir noch nicht kennen. Zukunftsmusik ist mutige Musik. Aus der Note, die das Instrument verlässt, wird etwas im Ohr des Menschen. Aus dem Hören wird Glauben. Aus dem Gehörgang geht es in den Lebenslauf. Mutig! Musikig! Aber noch einmal, nicht zu schnell vertröstet: Es werden Möglichkeiten verschwinden. Gewohntes wird en den. Manchmal werden uns Entscheidungen anderer fehlen, was man stärkt oder was man lässt. Auf diesem Weg werden Verlusterfahrungen gefühlt in achtel, viertel und ganzen Tönen wehtun. Es wird Stücke geben, die verhallen. Das wird sein; aber es wird auch sein, dass Menschen unsere Stimmen und Lieder für den Glauben von morgen brauchen. Noten und Texte, die erst noch ge schrieben werden wollen, Chöre, die wir heute noch nicht kennen, Wirkungen, die wir nicht ahnten …
Transformation ist immer auch ein Abschied. Sie ist eine Wüstenerfahrung. Sie wirkt wie leere Netze beim Fischen. Sie kann angstvoll sein wie ein großer Stein im Garten - vor dem Grab. Es fällt etwas in der Erde, vergeht, verstummt auch. Und dann?
Eine (Klang)figur steht auf
Stille. Schweigen. Atem. Aushalten. Mutig. Es wird etwas geschehen. Plötzlich – manchmal nach 3 Tagen - wird es da sein: Der eine Moment. Die Komposition. Du findest ihn. Klang und Thema für heute. Du weißt plötzlich, wie es klingen soll; wie Du es spielst. Es ist einfach da – in deinem Kopf, in deinem Herz, in deinem Ohr. Nichts Gekürztes. Es ist neu. Neugeschaffenes. Der müh same Stein … wie weggerollt. Eine Menschenfigur, eine Klangfigur – sie ist plötzlich da.
Ist das der Gärtner, der sagt, wo wir den Auferstanden finden? Ist das die Musikerin, die so singt, dass ich nicht anders versinken kann in jedem Klang – erhebend wie gestern? Ist das die Orgel, die bebt und ihr Klang jeden weinenden Menschen versteht? Hört auf die Posaunen! Sie jubeln Men schen Mut zu. Oder kommt vielleicht die Zeit der Hammondorgel zurück in jedes Wohnzimmer bei Müllers und Meiers?
Als die ganze Note sich auf der Partitur umschaute, sah sie notabene neue Kolleginnen. Sie hatte nicht mehr die gleiche Linie wie früher. Sie war sogar überraschend öfter gefragt. Es gab nämlich eine Entscheidung: Klang und Dauer wurde inzwischen als wichtig für die Wirkung erachtet. Aber Stille und Wechsel auch. Es war nur gut komponiert, auf den Linien, die heute gezogen werden mussten.
Es klang deutlich. Aber eines war geblieben: Das Thema blieb der ganzen Note vertraut. Die eine Botschaft. Es war Transformation für die Gegenwart, auf dass in ihr, in dieser Note, Mut und Glaube erklingen. Mut und Glaube sind immer schon der Klang Gottes. Er zieht in Ohren und durch die Welt. Durch Wüsten und kleine Seen. Deine Tränen, doch mutig weitergehen. Netze trotzdem auswerfen. Dem Gärtner vertaruen. Dem Auferstandenen begegnen.
Nachklang
Manchmal klingt dieser Glaube schräg. Sogar schief. Wir sind Lernende. Übende. Das bleiben wir. Wir als Menschen sind nun mal riskante Kompositionen. Und Transformationen. Vielleicht können wir Transformationüberraschend gut, weil Gott überraschend der andere ist, der verändert. Denn auch schiefe Töne stehen auf geraden Linien. Der Gärtner wird ein Engel sein. Die Musikerin mutig. Die ganze Note klingt lang nach.
Amen.