"Gottesdienst ist da, wo zwei versammelt sind"
Lars Hillebold hat eine Hommage an Martin Luthers Deutsche Messe verfasst. Am Sonntag, dem 29. Oktober 1525, fand in der Wittenberger Stadtkirche die erste Feier der "Deutschen Messe" statt.
Warum ist das kollektive Erinnern an die Deutsche Messe wichtig?
Lars Hillebold: Es ist die Erinnerung daran, nochmal genau zu fragen, was und warum Luther die "Agende" des Gottesdienstes entworfen hat und was eigentlich genau. Aus seinen mindestens drei Ideen von Gottesdienstformaten ist im Laufe der Jahrhunderte vieles Sinnstiftende und Schöne geworden; manches ist auch nicht so geworden. Eine neue Beschäftigung mit seinem Text führt zu einer auffallend hilfreichen Antwort auf die liturgischen und agendarischen Fragen der Gegenwart. Und je mehr man sich unter Agende und Liturgie eine Art vom Himmel gefallenen, zeitlosen Ablauf eines Gottesdienstes vorstellt, kommt man mit Luther wieder ins Grübeln. Ebenso aber kommt man ins Grübeln, wie viel mehr Theologie es braucht, wenn Liturgien je und je neu gestaltet werden. Da es den "Normalfall Gottesdienst" nicht mehr gibt, braucht es sehr viel mehr Kenntnis in einer Art "liturgischen Grammatik". Hier sehe ich einen der Schwerpunkte pastoralen Handelns in der Kirche von morgen. Das pastorale Amt kann – neben anderem – seine besondere Aufgabe und Rolle hoffentlich darin entdecken und vertiefen, dass es die Sprache des Gottesdienstes, seine Vokabeln, seine Fälle, seine Konkretion ausgesprochen gut versteht, kommuniziert, andere begleitet und anleitet.
Wie weit sind wir mit dem Gottesdienst in 500 Jahren gekommen?
Lars Hillebold: Mit "dem" Gottesdienst sind wir nicht weit gekommen, wenn man unter Gottesdienst eine einzige Form versteht. Da muss man nur die verschiedenen Agenden zählen, die momentan parallel in den evangelischen Landeskirchen gelten. Gewiss, wir reden leicht von "dem" Gottesdienst, weil wir vermutlich einen festen Kern (z.B. Lied, Verkündigung, Gebet, Segen), feste Orte und feste Zeiten denken. Zugleich verändern sich diese feste Gewohnheiten, und gottesdienstlich-kulturelle Selbstverständlichkeiten gibt es wenig. Aber – wieder Luther – hat sehr grundlegend gesagt, im Gottesdienst geschehen zwei Bewegungen. Gott dient dem Menschen. Der Mensch dient Gott. Diese Bewegung beschreibt das Phänomen Gottesdienst zunächst einmal als Beziehungsgeschehen. Das kann man sich sehr bunt vorstellen: zu zweit, zu dritt, mit vielen, Sonntags und zu klösterlichen festen Stunden und wenn ich in der Natur spaziere, erfüllt von Licht und Wärme, Bergen und Meer und dann auch wieder in der Kirche.
Nimmt man das alles zusammen, sind wir schon einige Tausend Jahre mit dem Gottesdienst weit gekommen. Gott ist weit gekommen und wir zu Gott. Das inmitten dieses Geschehens Gottesdienst, leidet Welt leidet, Böses geschieht, Menschen verzweifeln, Essen und Trinken, klagen, schreien, beten gegen die Ungerechtigkeit und Gewalt, weil all dies alltäglich ist. Insofern ist Gottesdienst eine Haltung und eine Beziehung; nur die Formen ändern sich und das dürfen, müssen und sollen sie auch. All das markiert für mich die alltägliche Sehnsucht und Idee, dass Gottesdienst da ist, wo zwei versammelt sind – und das sind zunächst Gott und ich, und wo die beiden sind, ist das Du auch schon da.